Advent, Advent, ein Lichtlein brennt ...

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    • Advent, Advent, ein Lichtlein brennt ...

      Verehrte Damen, geehrte Herren,

      man merkt es allerorts, in den Supermärkten stehen schon seit Wochen die Nikoläuse.
      Auf den Marktplätzen duftet es nach Lebkuchen und gepanschtem Glühwein.
      Durchs Radio foltert uns Wham! mit Last Christmas in Endlosschleife.
      Traditionen wie diese sollen uns an ein Ereignis erinnern, welches wohl so ähnlich bereits vor über 2000 Jahren stattgefunden haben muss.

      Ebenfalls eine Tradition ist dabei das erzählen von Geschichten.
      Und genau dies gedenke ich hier in den nächsten Wochen jeweils zum Adventssonntag zu tun.
      Möglicherweise ist dir diese schon bekannt, allen Anderen hoffe ich eine kleine Freude in der vorweihnachtlichen Hektik machen zu können.



      „Soll ich es als Geschenk einpacken?“ Das Routinelächeln der Verkäuferin saß am Ende des langen Tages ein wenig schief und bildete einen Kontrast zu den akkuraten,
      in Windeseile geschnürten und mit der Schere glatt gezogenen Schleifen, die leicht und wolkig unter ihren Händen wippten.
      Als werte sie die Unentschlossenheit der Kundin vor ihr als Einwilligung, zog sie ein weiteres Stück Geschenkpapier von dem schweren Ständer mit den verschiedenfarbigen Rollen.

      „Nein, lassen Sie. Es ist kein Geschenk!“

      An einem Tag, an dem sie eine Kollegin vertreten und zusätzlich noch eine Kasse mit betreuen musste, war sie froh, nicht alles einpacken zu müssen, auch wenn sie mittlerweile
      fast im Schlaf Päckchen für Päckchen in Geschenkpapier wickelte, mit einer hübschen, aufwändigen Schleife verzierte und das alles in der Hälfte der Zeit, die sie noch zu Beginn des
      Weihnachtsgeschäftes gebraucht hatte.
      Sie dachte an den kleinen Jungen, der geduldig alle paar Tage in der Schlange wartete und ihr, wenn er endlich vorne stand, mit feierlichem Ernst ein selbst gebasteltes Geschenk hinhielt.
      „Für Mama, bitte einpacken!“, sagte er, oder „für Papa, Oma“.
      Manchmal sagte er auch gar nichts und grinste ein klein wenig verschmitzt als verstünde sie, dass der Beschenkte oder die Beschenkte geheim bleiben müsse.
      Die meisten Kunden nahmen diesen Service des Hauses ebenso ungerührt in Anspruch wie den kostenlosen Glühwein, die Lebkuchen und knallroten, papierdünnen Nikolausmützen.
      Es gab Leute, denen ein in Rekordgeschwindigkeit eingepacktes Geschenk noch zu lange dauerte.

      Ein Kunde hatte über die kunstvolle Medaillon-Schleife die Stirn gerunzelt und darauf bestanden, dass sie den tristen Bildband über Mecklenburg-Vorpommern schlichter verpackte.
      Es war ihr aufgefallen, dass es immer mehr Kunden gab, die die Bitterkeit ihres Lebens wie ein Schild vor sich hertrugen.
      Die Einsamkeit hingegen begegnete ihr still und oft von ausgesuchter Höflichkeit.
      Die Jüngeren versteckten sie berechtigterweise hinter Hoffnung, ihr Leben konnte noch viele Wendungen nehmen.
      Die alten einsamen Leute sogen Worte auf wie Schwämme und wogen sie kostbar.
      Ihr Blick glitt über die glänzenden Geschenkpapierrollen. Sie dachte an das Geschenk, dass sie ihren Mann machen würde.
      Etwas, das schon perfekt eingepackt war. Die Kundin vor ihr war unglücklich.
      Ein flüchtiger Blick genügte nach all den Jahren. Wie leicht ließ es sich in den Gesichtern lesen, gerade zur Weihnachtszeit.
      Sie ließ das Buch zusammen mit dem Kassenbon, einem eingeschweißten Lebkuchen, der lächerlichen Mütze und einem aufmunternden Lächeln in eine Tüte rutschen und wünschte automatisch ein frohes Fest.

      Die junge Frau erwiderte den Gruß knapp, nahm die Tüte zu den restlichen und trat eilig aus der Schlange. Die kommerzielle Weihnachtsmusik klang ihr nun schrill in den Ohren.
      Sie drängte zwischen den unzähligen Mänteln, Jacken, Tüten und Taschen zum Ausgang. Kalte Luft schlug ihr wohltuend entgegen.
      Eine Gruppe Teenager, die sich gegenseitig die bunten Mützen von den Köpfen zogen, rempelten sie, ehe sie johlend im warmen Kaufhausbauch verschwanden.
      Vor dem Einkaufscenter standen Nikoläuse und prosteten sich mit Glühwein zu. Ein Christbaumverkäufer pries lautstark seine Ware an. Sie floh in das bleigraue Dunkel stiller Straßenzüge.

      Es begann heftig zu schneien. Dicke wattige Flocken, die um Straßenlaternen wirbelten und Sekunden später in deren Licht erstarben. Mit dem Schnee kam der Wind und schneidende Kälte.
      Sie stellte die drei eleganten Papiertüten kurz in den Schneematsch und zog die pelzgefütterte Kapuze ihres Mantels hoch. Ihr fiel ein, dass sie vergessen hatte, die Heizung zu Hause anzustellen, wieder einmal.
      Und doch war es nicht die Aussicht auf diese Kälte, die ihre Glieder bleiern werden ließ. Ihr Blick fiel auf das kleine, altmodische Cafe gegenüber, in dem sie ab und zu frühstücken pflegte.
      Sie mochte die eigentümliche Ruhe die dort herrschte, seit Jahrzehnten wie ihr schien und die alle Hast hinter den zart geblümten Vorhängen zurückhielt.
      Ein bisschen dieser Ruhe würde gut tun, ebenso wie die hervorragende Tasse Schokolade, die man dort bekam. Dunkel und vollmundig, aber nicht zu süß. Geblendet vom heftigen Schneetreiben stieß sie die Tür auf und erschrak.
      Das Cafe war voller Menschen und summte wie ein Bienenstock. Die junge Bedienung, die sie erkannte und nun unschlüssig stehen sah, nickte ihr freundlich zu und wies auf einen kleinen Tisch, an dem noch ein freier Platz war.
      Zögernd schob sie sich durch ein Grüppchen von Leuten. Sie stellte ihre Tüten dicht neben sich, schälte sich aus dem feuchten Mantel.
      Es war warm hier, zu warm und zu laut, und doch hinter all dem Trubel entdeckte sie die Stille. Wie ein feiner Nebel hing sie in den Ecken und dämpfte die Gespräche.
      „Wie immer?“, fragte die Bedienung. Sie nickte und wenig später stand eine dampfende Tasse heißer Schokolade vor ihr. Sie ließ ihren Blick schweifen, ein paar Leute kannte sie flüchtig.
      „Ist hier noch frei?“ Sie nickte und rückte noch ein wenig zur Seite, damit genügend Abstand zwischen ihr und dem neuen Gast blieb.
      Ein Mann mittleren Alters, der sich in einem fort räusperte und angestrengt in seine Tasse Kaffee blickte. Weihnachten würde sie nun doch zu ihren Eltern fahren.
      Sie würde das Geschwätz ihrer aschfahlen, langnasigen Tanten ertragen, die mit Besitz und prächtigen Karrieren ihrer Kinder wetteiferten. Ihre kleine Schwester würde davon nur kurz mit ihrem neuen rotbäckigen Nachwuchs ablenken können.
      Die Nasen der Tanten waren sich einig: Ja, Kinder kriegen konnte sie, eins nach dem anderen. Das zählte. Sie hingegen würde nur spitze Blicke und zähes Schweigen ernten, die sorgenvolle Blicke
      ihrer Mutter wie Messerstiche im Rücken spüren. Keinen Mann, kein Haus, keinen Nachwuchs. Verloren mit Mitte dreißig in der Großstadt.
      Alles Unausgesprochene würde Vater mit seinen gnadenlosen Raubeinigkeit und Taktlosigkeit spätestens am zweiten Feiertag aufgreifen und den gehassten Schwestern seiner Frau, die ihn für einen Versager hielten,
      um die Ohren hauen, bis sie beleidigt Nase an Nase das Weite suchten. Sie würde zu viel essen, zu viel trinken und bevor sie beginnen würde, zynisch zu werden, würde sie wieder abreisen, den enttäuschten Blick ihrer blassen, stillen Mutter im Rücken. Sie seufzte stumm, legte das Geld für die Schokolade auf den Tisch, zog den Mantel über und nickte dem Mann kurz zu.



      „Entschuldigung, Sie haben das vergessen!“, kam er ihr wenig später zur Tür nachgeeilt und hielt ihr verlegen eine Papiertüte hin.
      Das Buch, das sie aus Sentimentalität gekauft hatte. Es tat immer noch weh.
      Doch es hatte keine Bedeutung mehr, sie würde es nicht aufschlagen, es auch niemand anderes schenken, obwohl...

      „Oh, da habe ich mich schrecklich vergriffen. Es ist bald Weihnachten. Vielleicht haben Sie Verwendung dafür. Frohes Fest!“, sagte sie und lächelte kurz und freudlos.
      Noch bevor der Mann protestieren konnte, schlüpfte sie hinaus in den dichten Schneefall. So gut es ging hielt sie sich an der genossenen Wärme und Stille fest, ehe die Einsamkeit und die Kälte zurückkehrten.

      Der Mann verstand nicht. „So warten Sie doch, Sie können doch nicht..!“ Er folgte ihr vor die Tür. Doch die Schritte der jungen Frau entfernten sich rasch im watteweichen Schneeteppich, der sich lautlos ausgebreitet hatte.
      Für einen Augenblick erwog er, ihr nachzulaufen, doch dieser Augenblick verrann wie alle die anderen Momente, Augenblicke und Gelegenheiten, in denen er spontan sein wollte und es dann doch sein ließ.
      Er kehrte an den Tisch zurück. Die Tüte machte ihn verlegen. Er sah sich um, aber die anderen Gäste nahmen keine Notiz von ihm.
      Verrückt waren manche Leute, kauften Sachen, die sie nicht brauchen konnten und schenkten sie Wildfremden.

      Wut wallte für einen Moment in ihm hoch, verebbte ebenso schnell. Er griff in die schmale Tüte, zog Nikolausmütze und das Buch hervor und legte es neben seine Tasse.
      Die Mütze schob er achtlos beiseite. Leuchttürme von Jean Guichard.
      Er schlug das Buch auf und ließ seine Finger über die bunt bebilderten Seiten gleiten. Die brillanten Farben, ohne Zweifel, es war sicher sehr teuer gewesen.
      Spektakuläre Aufnahmen von Leuchttürmen in der Bretagne, an der amerikanischen Ostküste, in Schottland. Wind und wasserumtoste Leuchttürme, die allen Widrigkeiten trotzten, stark und ungerührt.
      Er war kein Leuchtturm. Alles rührte ihn an, machte ihn zu schaffen. Ob Marga sich darüber freuen würde? Geschenke, Geschenke. Die Kinder brauchten doch noch Geschenke… Buchhalter waren nicht mehr gefragt. Mit Mitte vierzig war er zu alt, mit der Firma für die Geschäftswelt gestorben.

      Längst hatte er resigniert, auch wenn er es nicht zeigte, sich bewarb und bewarb, wenn es irgendwo etwas zu bewerben gab und sich fortbildete, wie man es ihm auftrug, um die Zeit totzuschlagen. Zu Hause hielt er es nicht mehr aus, auch wenn sie alle Rücksicht auf ihn nahmen. Er konnte Margas stumme Verzweiflung nicht ertragen.
      Sie würde keine Freude an diesem Buch haben, was interessierten sie Leuchttürme in Schottland, wenn die Schullandheimfahrt der Söhne nur unter größten Entbehrungen möglich war.
      Er legte Buch und Mütze in die Tüte zurück, der Kassenbon fiel ihm entgegen. Wieder ein Impuls, ein Gedanke.

      Die Läden waren noch geöffnet, er konnte das Buch mit dem Kassenbon zurückgeben.
      Von dem Geld könnte er den Kindern Taschengeld geben, oder Marga eine Kleinigkeit kaufen. Da war dieser Schal, den sie letzte Woche in einem Prospekt so ausgiebig betrachtet hatte. Der Gedanke überdauerte den Moment.

      „Hier! Bitte füllen Sie das aus!“ Die Verkäuferin reichte dem Herrn einen Rücknahmeschein, dann blickte sie überrascht auf den Bildband. Diese Leuchttürme.
      Sie hatte das Buch vor kaum einer Stunde verkauft wie der Kassenbeleg zeigte. An eine Dame, da war sie sich ganz sicher. Nun sie wunderte sich nicht mehr. Kurz vor Weihnachten war das Kaufverhalten vieler Kunden extrem.
      Sie zeichnete den Beleg gegen und trat von einem Bein auf das andere. Ihre Füße waren schwer geworden. Sie war auch müder als sonst, doch all das hatte seinen Grund, einen süßen, wunderbaren Grund.
      Ihre Gedanken eilten voraus, nach Hause, als sie dem Herrn vor ihr das Geld für das Buch zurückgab.

      „Seien Sie so freundlich, und stellen Sie die Retoursendungen in die Regale zurück! Einige liegen hier schon seit Tagen.“, beauftragte sie eine junge Auszubildende, die ihr kurz vor Ladenschluss zugeteilt wurde.
      „Frohe Weihnachten!“, wünschte sie dem ernsten Herrn, der seine Geldbörse in die Jackentasche schob. In einer Viertelstunde würde sie Kasse machen und dann war endlich Feierabend.

      Fortsetzung folgt nächsten Adventssonntag.

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